Freitag, 2. Oktober 2026

In Erinnerung an den 03.10.1990


Den folgenden Text schrieb ich vor über 30 Jahren in mein Tagebuch. Es war eine emotional sehr aufgeladene Zeit und meine Notizen von damals bewegen mich noch heute … und manches stellt sich im Rückblick auch anders dar.

U.W.

Tag der deutschen Einheit,Tag der Freude?

Es fällt mir schwer, die Gedanken geordnet aufzuschreiben. Zu viel ereignete sich in den letzten Monaten und der gestrige Abend bestätigte mir, dass es auch Anderen viel zu schnell ging mit der Einheit!

Ich hätte es gern noch Jahre gehabt, dieses kleine, schöne, schwierige, schmutzige Land DDR − was hätten wir jetzt daraus machen können!

Aber so, wie bisher verlief, sieht es nicht aus nach Ideenstreit und Mitarbeit Vieler. Was noch im Januar diskutiert werden sollte (öffentlich) − von dem Energiekonzept bis zur Bildung − legen nun schon wieder Landesminister fest, die es noch nicht mit einer gewählten Regierung gibt.

EINHEIT heißt scheinbar "Einheitlichkeit" − ein Abweichen von den BRD-Reformen lassen die "Regierenden" nicht zu.



 Armes Deutschland − wie oft habe ich das inzwischen gedacht?

Armes Deutschland − das zustande kam im Wahlwettstreit der Parteien um die "schnellste" Lösung. Welchen Wert hat es, als Derjenige aufzutreten, der zuerst diese Idee hatte? Es macht mir Angst, dass wir in den Fragen der Macht nicht viel weiter sind als unter dem alten ZK. Hatten nicht viele − und mit Recht − Kompetenz statt Parteizugehörigkeit gefordert? War nicht gerade diese Kaderpolitik ein Grund dafür, dass das Land scheitern musste? Manchmal hätte ich es herausschreien mögen: Leute, warum nehmt ihr Hammer, Zirkel, Ährenkranz aus eurere Fahne? 

Es entspricht DEM,WAS KOMMT: Der "Arbeiter" hat nur insofern Politik mitzubestimmen, als er den Reichtum eines Landes schafft.

Kommt die Besinnung noch auf die Verpflichtung, die wir haben? Ewig Zeit wird uns die Umwelt nicht lassen, den Kampf zwischen Bedürfnissen und "Fortschritt"(wie er heute nötig ist) auszutragen.

Bloß hier nicht den Antwortsatz "Das regelt der Markt"! Er regelt nur, dass auch die kleinsten Bedürfnisse hochgespielt werden als "zum Leben gehörend" ... und es eigentlich immer nur um Maximalprofit geht. ODER − wie es noch viele vornehmer sagen: um "Effektivität"in allen Bereichen.

Man mag Marx von unserem Straßennamensregister verbannen − diese Wahrheiten werden bleiben.

Ich hätte sie nicht gebraucht, diese "große Freiheit " mit einer Flut billiger Illustrierter, mit Pornografie,Radikalismus, Drogen und der Isolation der Menschen. Waren nicht durch die Passierbarkeit der Grenze die Wege geebnet, um zueinander zu kommen − im wörtlich räumlichen und übertragenem Sinne? Warum ließ man nicht "zusammenwachsen"? Warum diese Eile, alles zu tilgen, was die Besonderheit dieses Landes ausmachte? Am liebsten würde Mancher heute schon wieder gewisse Menschen mit tilgen. . . . !!!

Dieser letzten Regierung mache ich den Vorwurf, das Land verkauft zu haben! Hat das alte ZK mit seiner "Politik zum Wohle des Volkes" vieles vorbereitet − echt zum Nullpunkt brachte es diese Regierung. Die für mich unangenehmsten Vertreter: Krause und die Misere − (Lothar de Maizière − wie er bei uns hieß).  



Verraten hat die alte Regierung die Ideale der Anfangsjahre, verraten hat diese Regierung die Interessen der "Werktätigen". Kaum noch einer verteidigte dieses Kabinett zuletzt. Zu viele spüren schon an Kurzarbeit, zukünftigen Fragebogen, Regelungen des Staatsvertrages, wie es erst einmal weiter gehen wird. . Wer vor dem 1. Juli sagte: "Ja nicht so schnell das Westgeld, es gibt unsren Betrieben den Todesstoß" − er wurde zum Schwarzmaler gestempelt.

Hoffentlich kauft uns jemand − so jetzt die Einstellung der Betriebe − damit wir weiter Arbeit haben. Aber nun kommen ja die Investoren, jetzt gibt es ja gleiches recht in deutschen Ländern! 

Wie beginnt eine "EINHEIT", bei der der Reiche mit Gönnermiene verteilt und der Arme sich vor Dank bis zur Selbstverleugnung zu verbeugen hat? Und was geschieht, bis beide gleichberechtigte Deutsche sind?

Frau Hildebrandt1 als Arbeitsministerin hat mir höchsten Respekt abgefordert. Sie war die − SICHTBAR EINZIGE − dieser Regierung, die warnte und unermüdlich versuchte,Probleme aufzuzeigen und abzubauen.

Wie schlau von der "Regierungspartei" die Minister für Arbeit und Soziales sowie Finanzen mit SPD − Politikern zu besetzen. Die empfindlichsten Punkte waren damit ausnutzbar für Parteitaktik.

Wie begann das alles, wann begann es?

Schon seit Jahren gab es belastende Diskussionen − in Familien, Arbeitskreis − überhaupt bei jeder Zusammenkunft.

  • über die Sinnlosigkeit von Berichten (Was davon war erlogen, kamen die wenigen Wahrheiten an?),

  • über die sinkende Arbeitsmoral, über Verschleudern von "Volksvermögen",

  • über die krass der Wirklichkeit widersprechende Einschätzung" Das Vertrauensverhältnis zwischen Partei und Volk hat sich weiterentwickelt",

  • über unsere Art der Berichterstattung in den Medien (auch nur die halbe Wahrheit zu sagen, ist eine LÜGE!). . . . und vieles mehr.

Und seit Jahren die Frage: Wo liegen die Ursachen, dass unser Land so viele Menschen verlassen?. Es konnte nicht nur der "Klassenfeind" sein, es musste Ursachen im eigenen Land geben − wer verdrängte sie und unterdrückte damit Veränderungen?

Wie oft krachte es in Versammlungen im Gebälk, wenn sog. "Genossen" und welche mit Idealen zusammenstießen?

Jeder spürte, lange konnten die Spannungen nicht mehr ohne Entladung bleiben. Dann kam der Sommer mit der Ausreisewelle über Prag und Ungarn und der 7. Oktober: Wir waren in Dresden "in Familie" zusammen und diskutierten über die Notwendigkeit,endlich offen in die Medien zu gehen. Da hörten wir die Demonstranten und sahen sie am Pirnaischen Tor. Man schrie zu uns hoch, wir sollten die DDR − Fahnen rein nehmen, es kämen die Nazis und "Die Kommunistenschweine kommen alle noch dran!".

Wie haben mir die Knie gezittert, wie hatten wir Angst, dass das Wenige, was bei uns entstanden war( wie auf dem Hauptbahnhof) zerschlagen wird. Die Tage danach waren für mich geprägt von Angst − ich habe die Kinder verpflichtet, die Tür stets fest zu verschließen und nicht zu öffnen.

Dann die von mir einberufene Versammlung der Parteigruppe der Poliklinik und die Enttäuschung, dass man nicht begriff, was ich wollte. Dann die "Parteiaktivtagung" fast wie eh und je, bei der ich das erste Mal alle meine Gedanken explosiv los werden musste und die Forderung unserer Genossen herausschrie:

"Gebt doch endlich eine Antwort von oben, ein Zeichen, das ankommt, was passiert − sonst verlieren wir nicht nur das Vertrauen der Bürger, sondern auch der Genossen noch".

Später die Zeit, da die Zeitung sich öffnete und viele verbitterte, harte Zuschriften erschienen.

Der 4. November mit den Künstlern, die mir unter die Gürtellinie ging ( und ein Aufhorchen bei dem Beitrag Schorlemmers).

Ich habe gelebt, wie halb betäubt, habe auch oft geweint, schwankte zwischen Angst, Verzweiflung, Schuld und Wut.

Dann der "Sturz" des ZK.

Da ich noch nicht ganz radikal gebrochen hatte (aber es war richtig), der lange Gang zur Demokratie der Regierung Modrow, die ersten Versammlungen in der Poliklinik mit dem ganzen Personal − ohne die von mir erwünschte harte Kritik an den Leitungsmethoden im eigenen Haus. Und dann die "Papierschlacht" zum 18. März − die Wahl.   

Nach dem CDU-Sieg war der Untergang eines eigenständigen Landes besiegelt. Doch eigentlich begann es schon am 9. November mit der Öffnung der Grenze! Wir saßen wie hypnotisierte Kaninchen in der Gaststätte beim Treffen der BPS1 --Absolventen. Schon stark dezimiert verabschiedeten wir uns, als gingen wir in die Illegalität ...

Kurze Hoffnung nach der Regierungserklärung, die noch für viele akzeptabel war. Dann aber der Abbau aller dort vorgesehenen Variabilitäten vom"Vorbild" BRD. Dazu dann die nervenaufreibende Stimmung in der Abteilung, die hasserfüllt herausgeschleuderten Vorwürfe (indirekt) an mich mit genereller Schuldzuweisung für alles …

Vergessen, wie oft ich zerknirscht von Leitungssitzungen kam; vergessen, wo ich meine andere Meinung deutlich gemacht hatte. Ja, es war wenig, was ich tat − zu wenig. Doch die, die richteten, hatten noch weniger getan, die Verhältnisse zu ändern.

Die Zeit des Psychoterrors − auch meine Mutter machte sie durch.

Dann ist die Lähmung gewichen, das Grübeln über den eigenen Anteil der "Schuld", über mögliche unbewusste Information an Stasi-Mitarbeiter. Es folgte die "Erneuerung" der Partei − von Skepsis über den neuen Vorsitzenden Gysi bis zu den Kraft gebenden Wahlveranstaltungen in Dresden. Das Gefühl, endlich in "Gemeinschaft" zu sein. Was alles lief in dieser Zeit ab?

Nun sind wir EIN Land. Wie wird es gehen in Europa, von dem manche schon als "Haus Europa" sprechen? Solange die Lebensverhältnisse so verschieden sind, sicher nicht. Zu viel Nationalitätenzwiste gibt es auch. Die Menschen werden zum Reichtum hingezogen.

WOHIN WIRST DU GEHEN − neues altes Land?

1 Bezirksparteischule

1In Brandenburg ist unterdessen eine Schule nach ihr benannt.   


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